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Article de la Frankfurter Allgemeine Zeitung sur le procès France 2/Media-Ratings

Nous vous invitons à découvrir cet article de Jürg Altwegg qui a été publié dans le prestigieux quotidien allemand, la Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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Drei Kugeln ohne Ende

Waren die französischen Fernsehbilder vom Tod eines Palästinenserjungen inszeniert?

GENF, 24. Oktober

Die Bilder gingen um die Welt. Zu sehen ist ein palästinensischer Vater in Gaza. Er kauert sich schützend vor seinen zwölfjährigen Sohn Mohammed - der vor laufender Kamera stirbt. Unter dem Kugelhagel der israelischen Armee. Die Bilder entstanden am 30. September 2000. Aufgenommen hatte sie der Kameramann von Charles Enderlin. Enderlin ist der Israel-Korrespondent des öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehens France 2. Enderlin machte den Beitrag und kommentierte die Bilder, bei deren Entstehung er offensichtlich gar nicht selber dabei war. Im Gazastreifen haben sie eine Welle der Gewalt ausgelöst. Im Namen des toten Kindes wurden verschiedene Attentate verübt. Der Märtyrer Mohammed al-Dura, unschuldiges Opfer der "zionistischen Barbarei", wurde zum Mythos der Intifada.

Doch an Authentizität der Sequenz kamen sehr schnell Zweifel auf. Die von einem Franzosen begründete israelische Presseagentur "Mena" (Metula News Agency) behauptet seit langem, es handle sich um eine Inszenierung der Palästinenser, kurzum: France 2 habe eine "gefälschte Reportage" ausgestrahlt. Und selber an der Manipulation mitgewirkt.

Im Auftrag des Hessischen Rundfunks drehte Esther Schapira einen weniger polemischen Dokumentarfilm (F.A.Z. vom 18. März 2002), der 2003 beim Internationalen Filmfestival in Moskau den ersten Preis gewann: "Drei Kugeln und ein totes Kind. Wer erschoß Mohammed al-Dura?" Die Autorin gelangte aufgrund sorgfältiger Recherchen zur Einsicht, daß es sehr unwahrscheinlich sei, daß der Junge von israelischen Kugeln getroffen wurde.

In Frankreich übernahm "Media Ratings" die Anschuldigungen. Es handelt sich um eine von Philippe Karsenty geleitete Agentur, welche die Medien beobachtet und ihnen etwas merkwürdige Glaubwürdigkeitszensuren erteilt. Der Fall warf und wirft hohe Wellen. Radikale jüdische Kreise haben vor vier Jahren Enderlin im Namen von Serge Klarsfeld, der davon nichts wußte, einen "Goebbels-Preis" verliehen. "Ein dreckiges Gerücht gegen Enderlin" schrieb damals "Le Monde". Die Herkunft dieser Schmutzkampagne hat gezwungenermaßen den Eindruck erweckt, die Reportage sei echt.

Die seriöse Presse hat sich seither kaum mehr mit dem Fall beschäftigt, und France 2 war stets bemüht, ihn herunterspielen und alle Angriffe auflaufen zu lassen. Doch es gab sogar eine Intervention im Parlament. Und Philippe Karsenty konnte mit dem Verantwortlichen der staatlichen Medienaufsicht telefonieren. Die neue Informationschefin von France 2, Arlette Chabot, ging schließlich in die Offensive, drohte mit Klage und veranstaltete eine Pressekonferenz, von der "Media Ratings" ausgeschlossen wurde. Doch trotz aller Dementis blieb das Institut zur Medienbeobachtung bei seiner Darstellung. Philippe Karsenty legte immer wieder nach und forderte den Rücktritt von Arlette Chabot und Charles Enderlin. Auf seiner Internetseite versprach er vollmundig: Wir zahlen 10 000 Euro an eine von France 2 zu bestimmende humanitäre Organisation, falls der Sender beweisen kann, daß seine Reportage keine Fälschung ist. Im "Wall Street Journal" und anderen Zeitungen wurde der Fall aufgerollt. Meist kamen France 2 und sein Israel-Korrespondent nicht gut weg.

Vor einem Monat stand Philippe Karsenty vor Gericht und den Verantwortlichen von France 2 gegenüber. Er war gut vorbereitet und konnte eine imposante Dokumentation vorlegen. Auch der Dokumentarfilm von Esther Schapira wurde gezeigt, der hochgelobt und vielfach ausgezeichnet worden ist, aber nie im französischen Fernsehen zu sehen war. Ebenso wenig wie die ebenfalls dem Gericht vorgeführte "Mena"-Darstellung, die noch viel weiter geht und behauptet, es habe sich um eine Inszenierung der Palästinenser zu Propagandazwecken gehandelt. Bei der Verhandlung forderte ein früheres Mitglied der Medienaufsicht, der Sender solle die beim Schneiden entstanden "Abfälle" - insgesamt 27 Minuten - vorlegen. In diesen Szenen, behauptet Philippe Karsenty, sei deutlich zu sehen, wie sich Mohammed nach seiner vermeintlichen Erschießung zur Kamera wende.

Die Staatsanwältin hatte offensichtlich den Eindruck, daß der Angeklagte seriös recherchiert habe. Sie beantragte jedenfalls einen Freispruch. Doch das Gericht ist ihr überraschenderweise nicht gefolgt. Es kam zu einer ganz anderen Einschätzung und hat jetzt sein Urteil schriftlich veröffentlicht: Philippe Karsenty wird der Ehrverletzung für schuldig befunden, er muß Arlette Chabot und Charles Enderlin eine symbolische Wiedergutmachung leisten und darüber hinaus ein Strafgeld von tausend Euro bezahlen.

In der Begründung wird Karsenty vorgeworfen, er habe fremde Quellen unbesehen übernommen. Das Gericht hält fest, daß keine israelische Institution - die Armee, die Regierung - den Anschuldigungen der Metula News Agency den geringsten Kredit eingeräumt habe. Dennoch hat France 2 einige Mühe, die Verurteilung des Medienkritikers als Freispruch für das Fernsehen zu deuten. France 2 hält an der Version, die es in die Welt setzte, fest - als ob es den Film von Esther Schapira und andere Zweifel an der eigenen Darstellung nicht gebe. Geht es um das Selbstverständnis eines Journalisten und Senders, oder haben sie wirklich etwas zu verbergen? Eine Ende ist noch nicht in Sicht: Philippe Karsenty legt Berufung ein und verspricht, das von France 2 unterdrückte Material in den nächsten Tagen selbst ins Internet zu stellen. Bis zur Stunde ist es dort allerdings noch nicht aufgetaucht.

JüRG ALTWEGG

Text: F.A.Z., 25.10.2006, Nr. 248 / Seite 46

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